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Wie WeChat in China alle anderen Apps überflüssig macht

Author: Goran Stefanovic | asioso
gepostet am 07. Juni 2017

Zhang Xiaolong ist in Europa eher unbekannt, hat aber das Leben von Millionen Chinesen verändert. Denn der Absolvent der Huazhong University of Science and Technology entwickelte 2010 eine eigene Messaging-App.

WeChat wirkt dabei auf den ersten Blick wie eine chinesische Variante des Facebook-Messengers. Eine Nachfrage nach einem solchen Dienst war in China jedenfalls vorhanden: Denn sämtliche Anwendungen von Facebook werden im Reich der Mitte bis heute blockiert. Die von Zhang Xiaolong auf den Markt gebrachte App hat sich vom amerikanischen Vorbild inzwischen aber lange emanzipiert und eine Vielzahl an eigenen Funktionen eingebaut. Inzwischen ist die App kein reiner Messenger mehr, sondern vielmehr ein digitaler Assistent.

Viele Chinesen nutzen ausschließlich die WeChat-App

Denn über den Messenger können fast alle alltäglichen Dinge erledigt werden: Die Essensbestellung, die Flugbuchung, die Kreditaufnahme und sogar der Kauf von Anleihen - all dies lässt sich problemlos über die WeChat-App abwickeln. Für die Nutzer bringt dies natürlich einen enormen Komfort mit sich. Für die Anbieter anderer Apps wird dies aber zum Problem, weil viele chinesische Nutzer den Messenger-Dienst gar nicht mehr verlassen, wenn sie das Smartphone zur Hand nehmen. Das Konzept von WeChat scheint jedenfalls in China gut anzukommen: Der Dienst hat mehr als 800 Millionen Nutzer. Zum Vergleich: WhatsApp und der Facebook-Messenger kommen jeweils auf etwa eine Milliarde User weltweit.

Mini-Programme sollen andere Apps überflüssig machen

Nun gehen die Entwickler der WeChat-App sogar noch einen Schritt weiter. Denn der Dienst unterstützt inzwischen auch sogenannte Mini-Programme. Diese können im Unterschied zu klassischen Apps direkt über den Messenger geladen und genutzt werden. Die Idee dahinter ist klar: Die Nutzer sollen noch mehr an die eigene App gebunden werden und im Idealfall gar keine Alternativangebote mehr benötigen. Bisher allerdings sind die Funktionen dieser Mini-Programme noch sehr eingeschränkt - was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nicht größer als ein Megabyte sein dürfen. Die Fantasie zahlreicher Entwickler wurde dennoch bereits beflügelt. Schon heute sind hunderte Mini-Programme verfügbar.

Die WeChat-App könnte zum Problem für Google und Apple werden

Damit ist die App aber nicht mehr nur ein Konkurrent für klassische Messenger-Dienste, sondern greift direkt die Hersteller der Betriebssysteme an. Denn wenn ohnehin alles über die WeChat-App erledigt wird, ist es letztlich egal, ob Android, iOS oder ein anderes System auf dem Smartphone installiert ist. Auch der Google Play Store und der AppStore würden langfristig wohl überflüssig werden. Es bleibt abzuwarten, wie Apple und Google auf diese Bedrohung reagieren werden. Denn auch in Europa und den Vereinigten Staaten gibt es erste Tendenzen in diese Richtung: So können auf dem Facebook-Messenger inzwischen Chatbots fremder Unternehmen installiert werden.

Auch europäische Unternehmen sollten sich mit Chatbots beschäftigen

Ein so breites Spektrum wie in China wird dadurch allerdings noch nicht abgedeckt. Die europäischen Firmen wären aber gut beraten, bereits heute über eine Zukunft nach den klassischen Apps nachzudenken und beispielsweise mit Chatbots zu experimentieren. WeChat wiederum versucht bereits seit einiger Zeit, auch außerhalb Chinas Fuß zu fassen. Allerdings ist der Dienst in Kanada und den USA bisher nur abgespeckt verfügbar - so ist dort beispielsweise keine Bezahlfunktion integriert. Zudem kämpft das Unternehmen mit einem weiteren Problem: Bei chinesischen Nutzern müssen alle Nachrichten zensiert werden, die bestimmte von der Regierung vorgegebene Begriffe enthalten. Beispielsweise Tibet oder Tiananmen. Bisher suchen die Entwickler dabei noch nach technischen Möglichkeiten, diese Zensur zielgenau nur bei chinesischen Nutzern durchzuführen.

 



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